Von Floskeln und Worthülsen

 
Eines der grössten Probleme beim Texte Schreiben ist, dass wir sie gerne mit Floskeln und Worthülsen garnieren. Sehr verdriesslich für den Leser. Ich bin zwar überzeugt, die meisten Schreiberlinge tun dies unbewusst und nicht in böser Absicht. Doch das macht es nicht weniger ärgerlich. Es ist halt «einfach einfach», gängige Floskeln zu verwenden, anstatt sich vertieft damit auseinanderzusetzen, was man eigentlich sagen will oder muss. Diese Beispiele aus der Geschäftskorrespondenz sind hinlänglich bekannt:
 

  • Wir bedauern, Ihnen keinen positiven Bescheid geben zu können. Wann ist dieser Satz schon ehrlich gemeint? Man erteilt eine Absage und versucht, mit einer halbherzig höflich hingeworfenen Phrase die schlechte Botschaft abzufedern. Bedauern empfinden die wenigsten.
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  • Wir stehen jederzeit gerne zu Ihrer Verfügung. Sind sich die Leute, die das schreiben, bewusst, was das tatsächlich heisst? Jederzeit? Das wäre rund um die Uhr. Auch am Wochenende? Mitten in der Nacht? Und das gerne? Lasst uns realistisch bleiben.
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  • Unser EDV-System erlaubt es uns nicht, … Ob EDV-System, interne Abläufe oder was auch immer als Entschuldigung vorgeschoben wird, um einem Kundenwunsch nicht stattzugeben: Eine solche Formulierung mufft stark nach fauler Ausrede. Und am Schluss des Satzes noch fürs Verständnis danken? Geht gar nicht.
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  • Wir haben Ihre Anfrage erhalten und bemühen uns, Ihnen in den nächsten 24 Stunden eine Antwort zu geben. Ist euch bekannt? Eine Worthülse, die wir häufig von Service Centern erhalten. Der Begriff Bemühen ist hier richtig gewählt. Denn wie die Erfahrung zeigt, bereitet es den meisten von ihnen offensichtlich Mühe, Anfragen zu beantworten. Die meist inhaltsleeren Antwortmails mit nichtssagenden Textbausteinen beweisen es. Übrigens: Den Begriff «bemühen» sollten wir so wenig wie möglich verwenden – er leitet sich von «Mühe» ab und ist negativ besetzt.
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  • Apropos Verständnis: Wir danken Ihnen für Ihr Verständnis. Begegnet uns oft, oder? Woher wissen wir eigentlich, dass der Empfänger Verständnis aufbringen wird? Ich verspürte jedenfalls äusserst selten Verständnis für die Position der Absender: Sie formulierten ihre Antworten in aller Regel, ohne auf meine Anliegen einzugehen. Kurz gesagt: Blabla.
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    Beispiele gäbe es noch viele. Sogar die husch husch hingeschriebenen freundlichen Grüsse gelten als Floskel. Auch wenn sie nicht per se schlecht sind. Doch ein persönlicher, auf den Empfänger zugeschnittener Gruss wirkt weit sympathischer als ein unpersönlicher. Wenn mir beim E-Mail Schreiben partout nichts Persönliches einfällt, schreibe ich gerne hinzu, wohin ich den Gruss sende: Viele Grüsse an den Bodensee … Das zeigt dem Adressaten immerhin, dass er mir präsent ist.
     
    Unter all den Worthülsen gibt es eine Floskel, die mir besonders auf den Zeiger geht: jemanden ernst nehmen. Ernstnehmen ist nicht gut. Wenn ich das höre, stellen sich mir die Nackenhaare. Meist folgt darauf nämlich ein Aber. Oder man schiesst ein Problem ab, mit dem man sich gar nicht erst zu befassen gedenkt. Denn wollte man jemandes Problem tatsächlich lösen, könnte man den Hinweis aufs Ernstnehmen stecken lassen. Oder ist euch folgender Satz schon mal untergekommen? Wir nehmen Ihr Anliegen sehr ernst und erachten Ihre Reklamation als gerechtfertigt?In Geschäftsbriefen, namentlich als Antwort auf Reklamationsschreiben, treffen wir diese Worthülse recht häufig an. Vor allem dann, wenn eine abschlägige Antwort folgt. Fühlt ihr euch ernst genommen, wenn euch jemand schreibt, dass er euch ernst nimmt, ihr euer Anliegen aber vergessen könnt?
     
    Noch häufiger wird uns die Floskel in Diskussionen und bei Konflikten um die Ohren gehauen. Damit will man dem Gegenüber den Wind aus den Segeln nehmen, obwohl gleich ein knallhartes, vermutlich absolut unwiderlegbares Gegenargument folgt. Und man kein Jota von seiner Position abzuweichen gedenkt. Ich nehme dich ernst und gebe dir recht…. Gibt es nicht.
     
    Vor allem Politiker jeglicher Couleur lieben es, die Anliegen der Bevölkerung ernst zu nehmen. Zumindest behaupten sie das. Wie sie das zu tun gedenken, bleibt in aller Regel ein gut gehütetes Geheimnis. Meist handelt es sich beim Ernstnehmen um die Anliegen jener Bevölkerungsgruppen, die eine andere Partei wählen. Was im Klartext nichts anderes heisst, dass man um deren Stimmen buhlt. Und dass man sich um deren Wünsche foutiert, sobald man gewählt ist. Danach geben wieder Partei und Lobby vor, welche Anliegen es ernst zu nehmen gilt.
     
    Warum lassen wir uns bloss mit Worthülsen und Floskeln abspeisen? Wir sollten weit öfter die Finger auf die wunden Textpassagen legen und drücken, bis es dem Autor wehtut, respektive bis wir klare Ansagen bekommen. Doch das ist anstrengend. Und meist auch nicht zielführend. Ich habe mal auf ein schludrig geschriebenes Mail von einer Schule für Erwachsenenbildung geantwortet, dass derartig fehlerhafte Elaborate für ein Lerninstitut ein No-Go seien. Danach erhielt ich eine Antwort: Man nähme mein Anliegen sehr ernst, ABER … Ich habe keine Ahnung mehr, was mir als hieb- und stichfeste Entschuldigung präsentiert wurde. Auch die Antwortmail enthielt wieder mindestens drei Fehler. Sorry, so was kann ich einfach nicht ernst nehmen.
     
    Genau. Nicht ernst nehmen empfinde ich weit weniger als Worthülse als ernst nehmen. Alles klar?
     
    Die beste Art, sich zu wehren, ist, sich nicht anzugleichen. Deshalb meine Aufforderung an alle, die gut schreiben wollen: Sagt, was ihr sagen müsst. Höflich und bestimmt. Fehlerfrei und freundlich. Ohne nichtssagendes Geschwurbel und ärgerliches Blabla. Dann wird (fast) alles gut.