Meidet Adjektive! Wirklich?

Wer gerne in Sprachratgebern schmökert und sich vergegenwärtigt, was gute Sprache ausmacht, wird feststellen, dass Adjektive verpönt sind. Mein Lieblingstool, das ich für die Analyse meiner Texte verwende, fragt mich bei jedem Adjektiv gnadenlos, ob welchselbiges wirklich notwendig sei. Und klärt mich dabei beharrlich darüber auf, dass Adjektive zu vermeiden seien.

Fehlerquelle Adjektiv

Mark Twain soll gesagt haben: «Wenn Sie ein Adjektiv sehen, töten Sie es sofort.»

Nun, erstens würde ich so weit nicht gehen. Und zweitens: Mark Twain war Amerikaner – er konnte unserer schönen Sprache nicht viel abgewinnen. Deshalb ist diese Aufforderung für mich noch keine Referenz. Doch ich stelle fest, dass Deutsch-Experten in den Kanon einstimmen und teilweise haben Sie auch recht:

  • grausame Bestie – kennt ihr liebenswerte Bestien?
  • schwer verwüstet – leichte Verwüstungen gibt es nicht.
  • neu renoviert – ich hätte gerne mal ein Bild von einem alt renovierten Haus.

Der gedankenlose Gebrauch von Adjektiven kann uns zu skurrilen Wortkombinationen verleiten:

  • Wenn man jemanden als vierköpfigen Familienvater beschreibt, heisst das, dass der vier Köpfe besitzt.
  • In unser aller Weltwoche konnte man von einem femininen Eigentor lesen. Und der aufmerksame Leser fragt sich: Bitte was? Wie wird das sächliche Eigentor zum femininen? 

Mit dem unbedachten Gebrauch von Adjektiven läuft man also die Gefahr, amüsante Stilblüten zu produzieren. Im besseren Fall. Im schlechteren Fall sind sie peinlich.

Keine Adjektive verwenden? Nicht mit mir.

Es gibt so viele Eigenschaftswörter, die es auf den Punkt bringen – und mit denen ich meine Texte pimpen möchte. Denn so macht Sprache Spass. Beispiele?

  • rammdösig
  • bräsig
  • hibbelig
  • wuschig
  • pfiffig
  • träf
  • naseweis
  • hackedicht

Hach, ich könnte die Liste endlos verlängern. All diese bezaubernden Wortschöpfungen sollen also in der Mottenkiste verpackt verstauben? Da mach ich nicht mit.

Bewusster schreiben

Ich bin eine simple Texterin, keine renommierte Sprachpäpstin, deren Wort zur neuen Regel erhoben wird. Deshalb wage ich nur kleinlaut, den berühmten Sprachwissenschaftlern zu widersprechen. Und möchte drum sogleich wieder etwas einlenken: Ich bin einverstanden, dass wir Adjektive zurückhaltend verwenden. Ich finde auch, wir sollten uns die Mühe nehmen, nach einer treffenden Vokabel zu suchen, die nicht durch unzählige Eigenschaftswörter beschrieben werden muss. Und nur wenn wir damit einen Mehrwert für den Leser erzielen, veredeln wir das Wort mit einem starken Adjektiv. 

  • Aus Baum wird beispielsweise Eiche. Und aus Eiche wird knorrige Eiche – es könnte nämlich auch eine junge, eine kranke oder eine kahle Eiche sein. 
  • Oder aus einem Haus wird ein Wohnblock, wird ein heruntergekommener Wohnblock – Zusatzinformationen, die dem Leser nicht nur zuzumuten sind. Mehr noch versetzen sie ihn in die richtige Umgebung.
  • Gerade bei Verben scheint es meistens unnötig, diese näher zu umschreiben. Einfach das treffende Verb suchen und voilà. Beispiel: schnell gehen. Wie wäre es mit rasen, flitzen, pfeilen, schiessen? Oder langsam gehen: schlurfen, bummeln, promenieren, watscheln, schlendern. Die Beispiele machen doch mehr Spass, oder?

Ich plädiere also für mehr Feingefühl beim Formulieren. Wenn ich beim Texten die Wörter sorgfältig wähle, nach interessanten Synonymen suche und Adjektive bewusst einsetze, kreiere ich überdurchschnittlich gute Texte, die zu lesen, Spass machen. Hundertpro!