Die sechs ultimativen Tipps für schlechten Schreibstil

 
Kehren wir den Spiess einmal um! Heute kriegt ihr ein paar Gratistipps, wie ihr ganz und gar miserabel schreibt. Denn die landläufige Meinung, guter Schreibstil sei Geschmacksache, ist falsch. Es gibt ein paar Aspekte, die jeder Schreiberling berücksichtigen muss, wenn er halbwegs gut schreiben will. Wer sich nichts vorschreiben lässt, kann sich getrost an folgenden Sechs-Punkte-Plan halten: Er oder sie wird die wichtigsten Basisregeln für guten Schreibstil gekonnt umschiffen.

1. Ignoriert die Verben und verwendet Substantive auf Teufel komm raus.

Verwenden wir Verben tönt das aktiv. Verwenden wir treffende Verben, wirds richtig gut. Doch wer will das schon? Deshalb: Verwenden wir Substantive, so oft es geht:
Nach Erhalt Ihres Schreibens und dessen Weiterleitung in die entsprechende Abteilung müssen wir den Inhalt einer Prüfung unterziehen tönt doch toll. Wer möchte behaupten, folgende Sätze seien lesefreundlicher? Danke für Ihr Schreiben. Unsere Abteilung XY ist daran, Ihr Anliegen zu prüfen. Sie dürfen bis zum 10. Juni mit einer Antwort von uns rechnen.

2. «Für a tüüüfä, xundä Schlaaf»: Das Passiv ist die beste Schlaftablette.

Es wurde von Hans und Peter beantragt, die Sitzung zu vertagen. Weshalb sollte man hier eine aktive Verwendung nehmen, wenn das Passiv auch geht? Schliesslich gehts hier darum, richtig schlecht zu schreiben. Übrigens ganz übel wirds, wenn Kochanleitungen im Passiv stehen:
Zwiebeln werden geschnitten. Öl wird in einer Pfanne erhitzt. Die Zwiebeln werden glasig gedünstet.
Kochen ist ein sinnlicher, kreativer Zeitvertreib. Da passt doch die wunderbar langweilige Formulierung wie die Faust aufs Auge.

3. Tatzelwurmphrasen helfen, die Übersicht zu verlieren.

Obwohl ich Schachtelsätze eigentlich vermeiden sollte, verwende ich sehr gerne Haupt- und Nebensätze über ersten, zweiten bis hin zu Nebensätzen dritten Grades, um den Text anschaulicher zu gestalten, was zwar das Lesen etwas erschweren, jedoch den Satzrhythmus positiv beeinflussen könnte, vor allem wenn man dafür sorgt, originelle Wörter zu wählen, die sich richtig gut aneinanderreihen lassen und melodiös klingen.
Alles klar? Fast 60 Wörter in einem Satz! Kein Problem, oder? Da geht sicher noch mehr. Im Tagi hat mal ein Journalist eine Kolumne geschrieben, die lediglich aus einem Satz besteht. Der Satz enthielt geschätzte 300 Wörter. (Okay, man muss sagen, er hats gekonnt!) Wie viele Wörter schafft ihr?

4. Kommas – wozu? Oder Satzzeichen sind heillos überbewertet.

Manchen Leuten fällt es schwer, selbst Punkte zu setzen. Doch im Grossen und Ganzen klappt das ganz gut. Was man von den Kommas nicht behaupten kann. Zwar kann das Setzen oder Fehlen eines Kommas tatsächlich den Sinn eines Satzes verändern. Aber man muss doch voraussetzen können, dass der Leser clever genug ist, aus dem Kontext zu verstehen, was gemeint ist. Seht ihr den Unterschied?
Er will sie nicht.
Er will, sie nicht.
Der Mann sagt, die Frau kann nicht Auto fahren.
Der Mann, sagt die Frau, kann nicht Auto fahren.

Und wie viele Leute sind hier jeweils gemeint:
Hans, mein Chef und ich …
Hans, mein Chef, und ich…

Aber wir wollen ja, dass die Leser sich vertieft mit unserem Schreiben befassen. Das gelingt am besten, wenn wir möglichst viele Satzzeichen weglassen oder falsch setzen. So können sie hingebungsvoll austüfteln, was wir gemeint haben.

5. Anglizismen und andere Fremdwörter muss man nicht verstehen – aber sie schinden Eindruck.

Wollt ihr es so richtig rocken? Dann werft mit Fremdwörtern um euch – wie wäre es mit sugar-coaten, liken, haten, antörnen, oder no-brainer? Oder gehobener für die Geschäftskommunikation: downsizen, upgraden, komparativer Kostenvorteil, aggregierte Nachfragekurve, Coût marginal, Crowdfunding, Economy of Scope, Effizienz, Briefing, outside the box denken, Grounding – oder aus aktuellem Anlass: Lockdown.
Ich sag da nur: chillt’s. Hier könnt ihr aus dem Vollen schöpfen und gehörig Respekt abzügeln.

6. Schreiben nach Gehör muss reichen – wer hat schon Zeit, im Wörterbuch nachzuschlagen?

Scheinbar bringt man den Kindern zu Beginn ihrer Schulkarriere bei, nach Gehör zu schreiben. Eine geniale Idee, wie ich finde. Das sollten wir unbedingt beibehalten. Folgende Beispiele habe ich (leider) nicht selbst erfunden:
Es sind alle in Woll wird …
Die Gewinn Marché ist hoch …
Tsuggettigratäng mag ich nicht …

Ich meine hey, lesen ist Zeitvertreib. Schreibt ihr nach Gehör, hat die Leserin länger was davon. Bis sie nämlich entziffert hat, was ihr meint, kann es dauern. Für alle, die noch am Knobeln sind, was meine Beispiele bedeuten: Es sind alle involviert. Die Gewinnmarge ist hoch. Zucchettigratin mag ich nicht.

«Ironieaus»

Und? Habt ihr euch bei dem einen oder anderen Hinweis ertappt gefühlt? Oder gehört ihr zu den vorbildlichen Zeitgenossen, die ihre Texte mit Hingabe und Akribie bearbeiten, bis sie perfekt sind? Wenn ja: «Schapppooo»! Wenn das (noch) nicht der Fall ist, probiert es mal aus. Es macht Spass, an einem Text zu feilen und ihn gedeihen zu sehen. Wenn ihr dazu jemanden braucht, der euch mit Rat und Tat zur Seite steht: Texter, Schreibkurse, Korrekturleser, die euer Bedürfnis punktgenau decken, gibts zuhauf.