Das Kreuz mit dem Strich: der Apostroph

 
Eigentlich bin ich mir nicht ganz sicher, ob ich mich hier über den Apostroph oder den Genitiv echauffiere. Fakt ist, die Verwendung des Apostrophs haben wir nicht im Griff. Wesfall-Kreationen mit Apostroph begegnen uns auf Schritt und Tritt. Paul’s Wurststand, Carmen’s Blumenladen, Haab’s Gemüsekratten oder Baumann’s Reinigungsservice – alles falsch. Sogar das Holzschuh’s Schwarzwaldhotel soll es geben. Sensibilisiert auf die Genitivproblematik leuchten mir die falsch gesetzten Apostrophe aus jeder noch so unübersichtlichen Bleiwüste grell entgegen. Das nennt sich subjektive Wahrnehmung. Dabei stelle ich fest, das Kreuz mit dem Strich treibt immer seltsamere Blüten. So sind mir schon AGB’s, KMU’s, Diva’s oder Komma’s begegnet. Sehr schön fand ich auch die Kreation Kindermenue’s. Woher die Apostrophe beim Plural kommen, ist mir ein Rätsel.

Die Deutschen müssten ihre Sprache doch eigentlich draufhaben. Dass selbst sie in die Apostroph-Falle tappen, vermag mich nicht zu trösten. Diese Schreibweise wird nicht „richtiger“, nur weil es gefühlte 110 % aller Deutsch schreibenden Zeitgenossen so handhaben. Auch nicht deshalb, weil sie im Englisch so was von korrekt ist. Nach dem Motto: Ich kann kein Englisch, aber ich kann Apostroph.

Dabei wäre es doch einfach: weglassen und vergessen. Warum also kompliziert, wenn es einfach auch geht? Oder ist es vielleicht doch nicht ganz so einfach? Leider ja: Es gibt ein paar Regeln, die verlangen zwingend nach einem Apostroph. Etwa wenn Sie im Wort ganze Silben auslassen: W’terthur. Oder wenn Sie am Wortanfang Buchstaben kappen: ’ne für eine, ’s für es oder ’n für ein: ’s ist, wie’s ist – ’ne feine Sache.

Doch zurück zum Genitiv. Es gibt Fälle, wo der Apostroph gesetzt werden muss. Und zwar betrifft es Namen mit folgenden Endungen: s. ss, z, tz, x. Zwar heisst es weiterhin Fischers Fritz (ohne Apostroph), aber Fritz’ Fischereizubehör – schliesslich stutzen wir hier ja das S weg. Alles klar? Manchmal dient der Apostroph auch der Verständigung. Beispiel: Andreas’ Kletterparadies und Andreas Coiffeursalon. Das Kletterparadies gehört Andreas, während der Coiffeursalon von Andrea betrieben wird. Sie sehen, Apostrophe sind nicht bloss Fussangeln auf dem Weg zur korrekten Sprache – sie verschaffen, korrekt verwendet, nichts weniger als Klarheit.

Die Frage sei erlaubt: Sind unsere diesbezüglichen Schwierigkeiten tatsächlich dem Überschwappen des Englischen in unseren Kulturkreis geschuldet? Begegnen wir auf unseren Pfaden durch den Alltag derart vielen Mc Donald’s oder Cindy’s, weshalb uns die Schreibweise bereits in Fleisch und Blut übergegangen ist? Falls ja, wäre es toll, wenn uns alle Lernplätze so leicht fielen wie dieser hier.

Wer weiss, vielleicht gibt es irgendwann wieder eine Sprachreform, bei der sich die Experten der Last der Mehrheit beugen und den Apostroph zumindest beim Genitiv zur Pflicht erheben. Doch bis dahin sollten wir versuchen, ihn korrekt anzuwenden. Das dürfte uns nicht schwerfallen – im Zweifelsfall lassen wir ihn einfach weg. So ist die Chance, richtigzuliegen, höher als umgekehrt. Die Rate der korrekt geschriebenen Genitive und Pluralformen nähme auf einen Schlag um geschätzte 80 % zu. Toll! Hand aufs Herz: Würden Sie einer Firma vertrauen, die es nicht einmal hinkriegt, den eigenen Firmennamen korrekt zu schreiben? Eben.

Übrigens: Das Kindermenue’s ist gleich doppelt falsch. Menu wird im Schweizerhochdeutsch ohne e geschrieben. Auch auf Französisch ist die korrekte Schreibweise kurz und bündig Menu. In Deutschland schreiben sie Menü. Die Schreibweise mit „–ue“ am Schluss stammt wohl von einem Kreuzworträtselnerd, der das Schreiben aufs Ausfüllen der Quadrate im Rätsel beschränkt. Und da kommt das Ü eben nicht vor …

In diesem Sinne – schreiben Sie’s gut! Und falls nicht: Lassen Sie’s gut schreiben.